Bis Anfang August 1999 hat Franz nun Bestrahlungen erhalten.
Die Maske nimmt er danach nach Hause und verstaut sie mit grosser Erleichterung. Ein Aufatmen wie auch eine grosse Erleichterung sind bei Franz deutlich zu spüren. Er kriegt wieder ein grosses Stück seiner Freiheit zurück, verglichen mit dem dauernden Gebundensein während den vergangenen 7 Wochen.
Franz fühlt sich bald wieder ganz gesund, er sprüht vor Energie.
Zu Beginn der Woche unmittelbar nach der Strahlentherapie fährt er nach Arlesheim zu Dr. Lorenz in die Lukasklinik. Dieser verordnet ihm das Mistelpräparat "Iskador" zusammen mit einem Medikament, das aus der Flechte "Irish Moos" gefertigt wird. Beide Medikamente spritzt Franz sich von nun an nach einem genauen Zeitplan in den Bauch.
Ich habe noch eine Menge Anfragen ausstehend, auf die nun Anfang Juli laufend die Antworten eintreffen. Die meisten beziehen sich noch auf die Bor-Neutronen Einfang Therapie.
Neu bin ich auf einen Dr. U. Kübler gestossen, einen deutschen Arzt, der ein technisches Verfahren entwickelt hat, um freie Tumor-Zellen im Blut zu finden. Er hat ein Patent dafür erhalten. Ich frage telefonisch dort an und möchte bloss den Preis für eine solche Analyse erfahren. Am anderen Ende nimmt jedoch eine unfreundliche Dame den Anruf entgegen, die Arroganz in Person. Wir müssten die Krankengeschichte von Franz schicken und dann einen Termin abmachen!...?
Nun schreibe ich halt am 23.7.99 ausführlich an diesen Dr. U. Kübler persönlich, lege den Sachverhalt im Detail dar und beschwere mich auch über seine Mitarbeiterin. Wir möchten ja bloss eine Preisangabe haben. Er antwortet allerdings im selben Stil und ich schliesse daraus, dass er neben dem Spezial-Labor auch eine onkologische Praxis betreibt. Offenbar versuchen sie krampfhaft, Patienten in seine Behandlung zu zwingen...
Weiter kläre ich auch Labors ab, die einen umfassenden Immunstatus machen können, Analysen auf bestimmte Tumor-Marker und Gene sowie allenfalls aus dem Blut Antikörper isolieren zur therapeutischen Verwendung. Die umfassendsten Analysen in der Schweiz machen die Labors Dr. Viollier mit Sitz in Basel. Allerdings geben sie ganz spezielle Sachen weiter an ein Labor Prof. Seelig in Deutschland. Nach etlichen Telefonaten gelingt es mir, dass wir für Franz dort eine Analyse mit rund 90 Parametern machen lassen können. Die Blutentnahme kann er im Viollier-Insitut in Basel machen. Von dort werden die Proben dann geeignet präpariert und verpackt an das deutsche Labor weitergesandt.
Franz geniesst den Spätsommer und Herbst 1999, er fährt wieder Auto und ist viel unterwegs. Allerdings arbeitet er bereits wieder. Zuerst noch 50%, dann ab Mitte September wieder voll. Bald muss er aber wieder auf 80% reduzieren. Wegen seiner vielen Medikamente trinkt er praktisch keinen Alkohol, ganz selten noch ein kleines Glas Rotwein zum Essen.
Franz trifft eine junge Frau, die er seit langer Zeit von beruflicher Seite her kennt. Diese ist sichtlich angetan von ihm, seiner Geschichte und seinem Kampfgeist gegen die furchtbare Krankheit in seinem Kopf. Franz weiht sie denn auch vollständig in seine gesundheitliche Situation ein, aber in der Überzeugung, dass er die Krankheit besiegen wird.
Diese Esther Wachlin wohnt in St. Gallen, ist mit 27 Jahren bereits im Kader einer Bank und fährt Motorrad. Eine junge Frau, voller Lebenslust und Tiefgang.
Sie verlieben sich ineinander. Esther ist also bereit, eine Beziehung einzugehen, die schwer wie Blei werden- und sehr traurig enden kann!
Sie gibt ihm nun die Liebe, die Franz in seiner schwersten Leidenszeit bisher missen musste. Sie übernimmt mit einer unbeschwerten Selbstverständlichkeit die grosse Verantwortung, die seine Ehefrau von sich gewiesen hatte!
Die beiden unternehmen nun viel gemeinsam. Etliche Ausflüge und Reisen führen Franz in eine neue Welt von Interessen ein, denn Esther liebt Opern und Konzerte. Er wiederum geniesst es sichtlich, Esther in gute Restaurants einzuladen und seiner Passion des guten Essens zu frönen.
Am 26. August 1999 hat Franz im Inselspital wieder MRI Bilder machen lassen zur Kontrolle. Auf den Bildern ist ein schwarzes Störfeld von ca. 4x7 cm zu sehen. Der Radiologe fragt Franz, ob der Chirurg Metallclips verwendet habe, was nicht der Fall ist. Für die Besprechung der Bilder, einige Tage später, lässt sich der Chirurg Dr. A. Lukes vertreten durch einen jungen Mediziner, den Franz noch nie gesehen hat.
Franz wird Dr. Lukes auch nie mehr zu Gesicht bekommen!
Franz realisiert, dass ihm alleine in seiner frisch umgebauten riesigen Wohnung in Unterseen/Interlaken nicht wohl ist. Zwischendurch hat er dort für ein Wochenende seinen Sohn Janosch bei sich und erfüllt ihm alle Wünsche. Mit Josiane geht's mehr schlecht als recht. Sie ist nach wie vor uneinsichtig, was ihr Verhalten angeht. Franz möchte sich scheiden lassen und lässt eine grosszügige Konvention ausarbeiten bei einem Anwalt.
Doch Josiane lehnt es rundweg ab, diese überhaupt zu diskutieren oder gar zu unterschreiben.
Im Gegenteil, sie droht ihm an, den Kontakt zu Janosch zu unterbinden! -
Franz ist einmal mehr enttäuscht über seine langjährige Partnerin. Er möchte gerne eine anständige und erwachsene Beziehung zu Josiane (und seinem Sohn) weiterleben können. Doch zu seinem Leidwesen muss er feststellen, dass Josiane den gemeinsamen Sohn Janosch emotionell von ihm zu entfernen versucht. Längere Zeit realisiert Franz dies nicht oder will es nicht wahrhaben. Doch schliesslich muss er feststellen, dass sich da tatsächlich etwas verändert und er den "Draht" zu Janosch allmählich verliert. Er leidet sehr darunter, kämpft dagegen und übersieht lange, dass sein Sohn ihn nie spontan besuchen kommt, obwohl er ja bloss um die Ecke zu Hause ist. Franz sieht Janosch also nur an den abgemachten Tagen, da liegen meistens zwei bis drei Wochen dazwischen.
Dass Franz bislang keine Betreuung durch einen Krebsspezialisten hat, abgesehen von Dr. Lorenz in Arlesheim (betrifft eigentlich nur die Iskador Therapie), erhöht unsere Belastung enorm. Als dieses Manko mal wieder besonders deutlich wird, rufe ich nochmals den Berner Onkologen Dr. J. Richner an. Aus der Situation heraus halt wieder an einem Samstag und zu Hause. War er das letzte Mal noch freundlich und zuvorkommend, so reagiert er dieses Mal recht ungehalten und arrogant. Das gehe so nicht... Franz müsse regulär zugewiesen werden... und so weiter. Er lässt mich gar nicht ausreden, die Situation kann ich somit nicht vollständig darlegen, also zerschlägt sich auch diese Hoffnung.
Am 26. Oktober 1999 ist wieder ein Kontroll-MRI in der Insel angesagt und wieder kommt die Frage an Franz, ob bei der Operation Metall verwendet worden sei...
Bei der nachfolgenden Besprechung der Bilder mit demselben Mediziner wie im August, verlangt Franz die Herausgabe des Operationsberichtes. Im selben fehlt
genau die Seite, die etwas über das ominöse Störfeld aussagen könnte...
Die Seite sei auch nirgends gespeichert, könne folglich nicht mehr reproduziert werden... ! Solches mutet schon eigenartig an in einem technologisch hochgerüsteten Spital, das ehemals einen sehr guten Ruf genoss.
Am 26. November fliegt Franz zusammen mit seinen Freunden Sonja Patrizio Salzano nach Hawaii. Mit diesen Ferien erfüllt er sich einen grosser Traum.
Das Nachtleben kann er allerdings nicht recht geniessen, weil er auf genügend Schlaf achten muss. Er schreibt mir dies auf zwei Karten, die fast unwirklich schöne Sandstrände, Buchten und türkisfarbenes Meer zeigen. Diese drei Wochen bleiben ihm denn auch nachhaltig in Erinnerung.
Den Winter über ist Franz immer wieder zu Besuch bei Esther in St. Gallen. Einmal verbringt er auch ein Wochenende in London, zusammen mit einer Sängerin, die er privat kennen gelernt hat und sehr bewundert.
Praktisch alle Verpflichtungen und Ämter in Vereinen hat Franz abgegeben. Allein in einer Runde von Jassfreunden, die sich "Spiegeleier-Club" nennt, ist er dabei geblieben. Er hat diese Jassabende immer genossen. Zwischendurch ist er auch zu den Wohnungsnachbarn Elsa und Klaus Künzi zu einer Spielrunde gegangen, wenn er in seiner Wohnung in Unterseen wohnte.
Den Weihnachtsabend verbringt er in Unterseen, er ist bei Josiane und Janosch zum Essen eingeladen. Den Weihnachtstag ist er bei seiner Mutter in Niederried.
Den Altjahrsabend verbringt Franz in seiner Wohnung in Unterseen, kurz vor Mitternacht geht er dann zu Salzanos in deren Restaurant. Auch den Neujahrsabend verbringt er bei diesen Freunden.
Mitte Januar 2000 geniesst Franz mit Esther dann vier Tage in Paris. Sie fahren mit dem bekannten TGV, den Franz noch nie erlebt hatte. Er ist sehr beeindruckt von dessen Geschwindigkeit und Komfort. Franz hat Paris zuvor noch nie gesehen. Immer mal wieder hatte er diesen Besuch hinausgeschoben. Sie sind in dieser Stadt viel zu Fuss und mit der Metro unterwegs, besuchen natürlich die wichtigen Museen, Pärke und den Eiffelturm. Es hat erstaunlich wenige Leute beim Turm, die beiden gehen bei Tag hinauf und als sie oben auf der Plattform sind, nachtet es ein und wird so romantisch, wie es Paris nur sein kann.
Franz verbringt immer wieder eine Zeit von ein bis zwei Wochen in Niederried bei seiner Mutter. Obwohl der Komfort in dem alten Haus keineswegs mit dem zu vergleichen ist, was er sonst gewohnt war, fühlt er sich dort wohl. An dem Ort seiner Kindheit tut ihm vermutlich die Vertrautheit gut, gibt ihm vielleicht auch ein Gefühl der Geborgenheit. Die Mutter ist über 73 und selbst gesundheitlich angeschlagen. Sie verbringen gemütliche, ruhige Tage. Franz trifft zwischendurch Freunde und Bekannte.
Mitte März ist Franz mal wieder kurz in seiner Berner Wohnung. Esther kommt zu ihm und von dort unternehmen sie per Bus eine Kulturreise nach Genua. Sie verbringen 5 schöne Tage dort am Meer. Am ersten Abend wird in der schönen Oper Verdis "Ernani" aufgeführt. Dann besuchen sie auch eine Produktionsstätte für kaltgepresstes Olivenöl. Bei Bilderbuchwetter können sie dort nach Herzendlust degustieren, die alten und neuen Verfahren sehen und recht unbeschwert etwas südliche Lebensfreude geniessen. Franz ist in guter Verfassung, nur einmal hat er Kopfschmerzen. Die beiden sind auch sonstwo in Genua unterwegs, teils mit- und teils ohne Führung. Sie machen ausgedehnte Spaziergänge dem Meer entlang, besichtigen den grossen Hafen und freuen sich an den blühenden Zitronen- und Orangenbäumen. Daheim in der Schweiz liegt in diesen Tagen noch Schnee.
Bei Franz ist eine Veränderung zur Ernsthaftigkeit zu bemerken. Er geht viel in der Natur spazieren und wandern und denkt viel nach. Er sagt, dass ihm seine Krankheit die Augen geöffnet habe. Dass er neu die wirklich wichtigen Werte erkannt habe nach seiner bisherigen Überbewertung von Karriere und Status. Auch habe er die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass sein riesiger Freundeskreis durch diese intensive Zeit seiner Krankheit halt doch deutlich zusammengeschrumpft sei. Bei etlichen sei ihm mit der Zeit klar geworden, dass deren Interesse vorwiegend materiellen Dingen und seinem Einfluss im beruflichen Umfeld gegolten hätten. Franz hört viel Musik und geht häufig ins Kino, früher hatte er sich dafür kaum Zeit genommen.
Im April streift Franz die ganze rechte Autoseite als er durch das Telefon abgelenkt wurde. Er realisiert erst einige Wochen später, dass er neu offenbar das Problem hat, dass er sich nicht auf zwei Sachen gleichzeitig konzentrieren kann.
Schleichend beginnt gegen Ende April der Hirndruck wieder zu steigen. Anfang Mai ergibt es sich, dass sich Franz verbal sehr aggressiv gegenüber Esther verhält. Diese kann es erst kaum fassen und kann dieses neue Verhalten erst mit der Zeit der Krankheit zuordnen.
Am 4. Mai 2000 wieder MRI Bilder in der Insel. Dieses Mal muss er ganze 11 Tage warten, bis er zur Bilderbesprechung gehen kann!
Offenbar überlegt sich einmal mehr kein Mensch in diesem Spital, was das für einen Betroffenen für endlose Tage (und Nächte) der Ungewissheit sind! - Wir haben schon vorher besprochen, dass Franz danach diese Kontrollen nicht mehr in diesem Spital durchführen lassen will, wo er ohnehin keine Betreuung hat. Er will im UNIZ (Unispital Zürich) die weiteren MRI's machen lassen.
Um ihm diese Tage des bangen Wartens zu verkürzen, verbringt Esther zwei Tage mit Franz in seiner Wohnung in Unterseen.
Am 8. Mai 2000 kontaktiere ich Dr. R. Bernays im UNIZ und teile ihm mit, dass die noch anstehende Besprechung der Bilder am 15. Mai die letzte in der Insel sein werde. Franz habe sich entschlossen, weitere MRI Kontrollen im UNIZ durchführen zu lassen und falls nötig auch PET. Ich sagte Dr. R. Bernays auch, dass Franz bis heute keine onkologische Betreuung habe ausser den sporadischen Kontakten mit Arlesheim. Deshalb möchte er eine solche Betreuung im UNIZ aufbauen, er solle uns doch bitte ihren kompetentesten Onkologen angeben.
Dr. R. Bernays anwortet, dass er meine Anfrage bereits weitergeleitet habe an den Neuroonkologen Dr. L. Jost und gibt seine Kontaktnummer an.
Am 15.5. gehe ich Franz nach seiner Bilderbesprechung im Inselspital abholen.
Er ist sehr schweigsam, wir gehen noch etwas trinken, man kann draussen an der Sonne sitzen. Ich habe ihn seit einigen Tagen nicht mehr gesehen, er macht auf mich einen veränderten Eindruck, er klagt auch über Kopfschmerzen. Der Bericht sei schlecht gewesen, ein erneutes Wachstum des Tumors sei festzustellen und eine Operation werde bald ein neues Thema sein. Ich bringe ihn auf sein Verlangen hin in die Einstellhalle seines Arbeitgebers Helvetia-Patria. Dort zeigt er mir den Schaden am Auto und wir verabschieden uns. Dann geht er nach oben, er wolle sehen, ob noch jemand im Büro sei. Meine Frage, ob er fahren könne, bejaht er. - Oben trifft er Werner Isler und fällt ihn dessen Büro beinahe um. Die Gleichgewichtsstörungen nehmen zu. Deshalb fährt Werner ihn nach Unterseen und lässt seine Frau den Wagen von Franz fahren. Oben in Unterseen angelangt, reagiert Franz aggressiv, als sie nicht bleiben können und sich von ihm verabschieden. Ich selber erfahre von diesen Vorkommnissen erst zwei Tage später durch Werner Isler.
Wenn ich Franz am Telefon habe, sagt er immer, es gehe ihm gut. Man muss herauszuhören versuchen, inwieweit das wirklich zutrifft. - Franz nimmt noch immer gewissenhaft die vielen Medikamente zur Unterstützung des Immunsystems.
Am 17.5. 2000 gibt uns der Onkologe Dr. L. Jost im UNIZ einen ersten Termin bekannt für den 24. Mai für ein erstes Gespräch. Bereits am nächsten Tag jedoch wird Franz durch seinen Hausarzt Dr. H. Röthlisberger notfallmässig mit starken Hirndrucksymptomen im Spital Interlaken eingewiesen. Unter Kortison lassen die Beschwerden dann rasch nach. Franz erhält in diesen Tagen viel Besuch aus der Region und auch aus Bern von den Mitarbeitern
seiner Agentur.
Am 20.5. teilt mir Dr. R. Bernays vom UNIZ mit, dass sie einen Anruf durch die Tagesärztin des Interlakner Spitals erhalten hätten, er habe ein Bett für Franz reserviert. Am nächsten Tag besprechen wir telefonisch, dass Franz beim bereits erhaltenen Termin vom 24.5. im UNIZ eintreten wird. Ich werde die neuen MRI Bilder per Express an Dr. R. Bernays schicken zur Vorbereitung auf die Operation hin.
Franz geht bereits am 23. Mai nach Zürich, trifft dort Esther und sie verbringen die Nacht in einem guten Hotel.
Am 24. tritt Franz dann im UNIZ ein. Dr. L. Jost schickt mir per E-Mail einen ausführlichen Bericht, nachdem er Franz zusammen mit Dr. R. Bernais gesehen hat. Franzes Freundin Esther sei bei dem Gespräch dabei gewesen. Nun sei also der Operationstermin bereits für morgen vorgesehen und danach würden sie diese neue Chemo-Therapie mit "Temodal" empfehlen, evtl. später dann auch "Thalidomide".
Am 25.5. wird im Rahmen der Voruntersuchung zur Operation ein neues MRI durchgeführt und sofort wird festgestellt, dass der Chirurg Dr. A. Lukes bei der ersten Operation im Inselspital Bern eine Nadel im Kopf gelassen hatte... und das massive magnetische Störfeld dadurch verursacht wird...!
Diese Tatsache bringt nun mit sich, dass Dr. R. Bernays die anstehende Operation nicht mit dem offenen MRI durchführen darf. Er sagt mir am Telefon, dass es absolut verboten sei, einen Patienten mit magnetischem Metall im Kopf in das starke Magnetfeld eines MRI-Gerätes zu schieben. Ein solcher Patient sei zu behandeln, wie ein Soldat mit einem Granatsplitter im Kopf!
Als Franz von dieser Nadel erfährt, da wird sein restliches Vertrauen in das Inselspital komplett vernichtet. Die Art und Weise, wie dort mit solchen Patienten umgesprungen wird, spottet jeder halbwegs verantwortungsbewussten Medizin tatsächlich Hohn. Erstmal dürfte es wohl kaum Zufall sein, dass die besagte Seite aus dem Operationsbericht verschwunden ist! Weiter aber muss man sich fragen, ob in diesem riesigen Spital wirklich keiner der verschiedenen Radiologen, Neurologen und Chirurgen, die haufenweise MRI Bilder angefertigt und begutachtet haben, diese Nadel gesehen hat? Das ist höchst unwahrscheinlich! - Im UNIZ wird diese bei den ersten Bildern bereits gesehen... Dass dann aber die Radiologen Franz trotz des "unbekannten" Metall's (verbotenerweise) routinemässig ins MRI schieben, das kann wohl nur aus der Grundeinstellung heraus "Dieser Patient lebt sowieso nicht mehr lange, also spielt es keine Rolle" möglich sein!
Fazit: Eine absolut menschenverachtende Haltung und dies in einem hochgerüsteten Spital in der humanitären Schweiz, wo Henry Dunant das weltweit geachtete Rote Kreuz ins Leben gerufen hat...
Die konventionelle Operation erfolgt also heute, den 29.5.2000 und alles verläuft gut. Ich komme im UNIZ an, als Franz noch im OP ist. Er wird bald darauf noch schlafend mit dem Bett hereingerollt. Während er langsam aufwacht, halte ich seine Hand. Er drückt sie dankbar. Ich merke, dass er froh ist, dass ich da bin. Dr. R. Bernays besucht Franz noch am selben Abend. Er erklärt uns, dass er bis 5 mm an die Hirnkammer heran geschnitten hat, einen Durchbruch aber verhindert hat, damit auch nicht nur eine Zelle durchschlüpfen und in den Körper streuen könne. - Bereits im Aufwachraum, ca. 4h nach der Operation isst er mit Appetit ein komplettes Menue.
An diesem Abend bittet mich Franz, ich möge die Josiane anrufen und sagen, dass alles gut gegangen sei. Es gehe ihm vor allem um Janosch. Ich erledige seinen Auftrag knapp und sachlich.
Esther nimmt in diesen Tagen Ferien und ist jeden Tag bei Franz zu Besuch. Manchmal übernachtet sie auch in einem Gästebett des UNIZ.
Noch im UNIZ plant Franz einen stationären Aufenthalt in der Lukasklinik in Arlesheim. Dr. M. Lorenz wird ihn dort betreuen, dies wird im Juni sein. Bis dahin will Franz sich erholen und ist neu auch bereit, eine Psychotherapie zu beginnen. Ich hatte dies schon mehrfach angesprochen. Denn ich bin der Meinung, dass eine solche Diagnose an sich schon zuviel ist zum verarbeiten und wenn jemand noch seine Geborgenheit, seine Familie, das Zuhause und evtl. sein berufliches Umfeld verliert, dann erst recht. Ich suche nach einem Therapeuten, der mit Krebspatienten arbeitet und im Idealfall sogar die Methode nach Simonton gegen die Krebserkrankung anbietet. Im Kanton Bern werde ich nicht fündig, aber in Basel. Ich stosse dort auf eine Therapeutin, die mir eine Berufskollegin angeben kann, die etwas günstiger gelegen ist. Die Psychologin Susanne Schneeberger in Meilen bei Zürich wendet tatsächlich die Simonton-Therapie an und hat lange Erfahrung mit Krebspatienten. Als ich dies mit Franz am Telefon bespreche, meint er, es sei kein Problem für ihn, mit dem Zug nach Meilen zu fahren zu dieser Therapie. Im Juni dann beginnt er dort und es zeigt sich, dass ihm der Weg halt doch ein Hindernis ist, denn er macht erst in 4 Wochen wieder eine Sitzung ab.
Gegen Ende Mai treffen eine Menge Antworten ein über Studien und neue Therapieverfahren, vor allem aus den USA. In einer 7-seitigen Antwort teilt mir eine Frau Dr. J. Esenwein mit, dass sie für sich selber genau dasselbe tun würde, was ich mache. Nämlich nach neuen Therapien suchen, auch mit verschiedenen Substanzen, weil die Zellen in diesem Tumor sehr verschieden geartet sind. Es sollen bis zu 1000 unterschiedliche Zelltypen in einem Glioblastom vorkommen. Sie fügt Studienergebnisse mit Temodal und Thalidomide bei und wünscht uns ein herzliches "God bless you".
Am 4. Juni 2000 wird Franz aus dem UNIZ entlassen, er wird von Esther abgeholt.
Franz kommt kurz nach Bern und Unterseen und ist dann vom 9. bis 13. Juni wieder zu Besuch bei Esther. Sie gehen gemeinsam zu einem Gespräch bei Dr. L. Jost im UNIZ.
Mitte Juni beginne ich an einer neuen Arbeitsstelle, weshalb ich während rund zwei Monaten meine Recherchen drastisch reduzieren muss, mit entsprechend schlechtem Gewissen...
Eine bei Hirntumoren umstrittene Therapieform, die "Hyperthermie" allerdings kläre ich noch ab, wo ich entsprechend widersprüchliche Aussagen erhalte. Schliesslich stosse ich auf die sogenannte "Photodynamische Therapie" in den USA. Ein Prof. H. Kostron in Innsbruck soll damit in Europa die längste Erfahrung haben. Bei dieser Therapie wird ein Mittel in den Blutkreislauf gegeben, das die Tumorzellen auf Licht überempfindlich macht. Dann wird gebündeltes Licht in Form einer Laser-Sonde durch ein kleines Loch im Schädel in die Region des Tumor geführt und das abnorme Gewebe so abgetötet und in Narbengewebe umgewandelt.
Ich kontaktiere also diesen Prof. H. Kostron und besorge ihm auf sein Verlangen hin einen 2. Satz der letzten Bilder. Seine Antwort ist positiv, er könne die PDT auch bei
operiertem Glioblastom anwenden.
Obwohl das UNIZ ein vergleichbar grosses Spital wie die Berner Insel ist, ist doch die Struktur und die Betreuung der Patienten merklich besser. Dr. R. Bernais besucht Franz auch in den Tagen nach der Operation, man merkt neben der ganzen Routine ein echtes Engagement.
Mitte Juni geht Franz dann für drei Wochen nach Arlesheim zur Behandlung. Er erlebt dort eine ganzheitliche Medizin, die ihm sehr viel anbietet für Seele und Körper. Er kommt dort in den Genuss von ergänzenden Therapien wie Malen, Musik, Gruppengespräche und Eurhythmie. Es sind ausgedehnte Ruhezeiten eingeplant, in denen er viel liest. Die vorwiegend vegetarische Küche allerdings kann ihn nicht so recht erfreuen. Dafür ist er danach froh, wieder vielseitig in guten Restaurants speisen zu können.
Franz reist nach seinem Austritt in Arlesheim direkt zu Esther nach St. Gallen und sie verbringen einige gemeinsame Tage. Von dort aus besuchen sie den Maskenball der Bregenzer Festspiele.
Ein anderes Mal gehen sie in das romantische Open-Air Kino am Bodensee wo die Leinwand im Wasser steht. Der weiteste Ausflug in diesen Tagen führt die beiden vom 11. bis 15. Juli nach dem deutschen Tübingen. Franz will dort eigentlich den Prof. H.P. Ammon besuchen, doch mit der Terminabsprache geht leider etwas schief.
Von nun an achtet Franz darauf, die wichtigsten Ratschläge von Arlesheim in Sachen Ernährung zu berücksichtigen. Das heisst vor allem, wenig Schweinefleisch, Kartoffeln und Tomaten.
Zwischendurch ist er bei mir zu Besuch für 2-3 Tage. Dann koche ich möglichst Speisen, die er besonders mag. Darunter sind auch einfache Sachen, wie z.B. Haferbrei mit Zimt und Zucker, den er seit seiner Kindheit liebt. Unsere Mutter hatte viele solcher Süssspeisen als Abendessen für uns 5 Kinder gekocht. Jahrzehntelang hatten wir sie vergessen und kürzlich dann wiederentdeckt.
Gegen Ende Juli verbringt Franz dann 10 Tage zusammen mit Esther in Yverdon.
Den 1. August will er aber unbedingt auf dem Berner Hausberg Gurten geniessen. Sie essen dort im neu umgebauten Restaurant. Als es dann dunkel ist, brennt ein riesiges Höhenfeuer auf der Gurtenwiese. Viele Familien brennen auch ihre privaten Feuerwerke ab, dabei klingen wohl in den meisten von uns bestimmte Gefühle aus der Kindheit an. Die beiden sind aber am meisten beeindruckt von der Sicht auf die Stadt Bern.
Später gehen sie dann wieder in die Stadt hinunter, wo sie von der Nydeggbrücke aus den 1000 Lichtern zusehen, die die Aare hinab schwimmen.