Die traurige Geschichte der Krankheit von Franz Ficza
Teil 5

Im Laufe des Monats August 2000 ringt sich Franz in einem schmerzlichen Prozess zum Entscheid durch, dass er seinen Posten als Leiter der Generalagentur Bern der Versicherung Helvetia-Patria per Ende Jahr aufgeben wird, seiner Gesundheit zuliebe.

Franz hat sich zwar gut erholt von seiner zweiten Operation, aber ganz unmerklich hat sich doch etwas verändert in seinem Aggressionsverhalten. Das zeigt sich zwischendurch in einer aufbrausenden Weise aus nichtigem Anlass, die man bei Franz früher nicht gekannt hatte.
Offenbar gibt es auch Situationen, wo er an Anlässen ihm fremde Leute beleidigend behandelt.

Am 10. August gehen wir gemeinsam zu einer Theaterpremière auf die Moosegg im Emmental. Der Regisseur und Produzent Peter Leu inszeniert jeden Sommer ein Freilicht-Spiel neben dem Hotel Moosegg. Diesmal ist es ein verrücktes Stück aus der Antike, "Die Vögel" von Aristophanes. Das Stück gefällt uns sehr, wir harren noch recht lange aus bei der nachfolgenden Feier im Saal des Hotels.

Dr. R. Bernais fragt mich per E-mail an, wohin sie das gefrorene Tumor-Material senden sollen. Ich antworte ihm, dass es vorläufig im UNIZ bleiben sollte, da ich noch nicht fündig geworden sei für ein Labor, das Immuntherapien (Vakzinierungen) durchführen könne.

Am 6. September 2000 werden im UNIZ wieder MRI-Bilder gemacht. Franz geht nach einigen Tagen alleine zu der Besprechung der Bilder mit einer Frau Dr. Bjeljac. Nach diesem Termin trifft sich Franz mit Esther und sie bleiben über Nacht in Zürich. Franz ist recht wortkarg und will erst nicht über das neue Resultat sprechen. Schliesslich erfährt Esther aber doch von ihm, dass bereits wieder ein erneutes Wachstum in der Tumorregion zu sehen ist.

Irgendwann stellen wir fest, dass sich Franz die Spritze mit dem Präparat Iskador nicht mehr selber verabreichen kann. Zum einen, weil er zittert und zum anderen, weil er eine Hemmung entwickelt, die sich dann auch auf das Schlucken von Tabletten ausdehnt.

Dieses Schluckproblem führt soweit, dass er bis zu zwei Stunden benötigt um nach der Mahlzeit seine Tabletten einzunehmen.

Zwischendurch fällt nun auf, dass Franz falsche Wörter verwendet und sobald er es merkt, dies mit einem Witz zu vertuschen sucht.

Esther stellt erschrocken fest, dass er mit dem Zählen des Geldes Probleme hat, oder die Bedienung von vertrauten Geräten nicht mehr beherrscht und die Bedienungsanleitungen nicht versteht.

Am 22. September findet die Hochzeit von unserem Bruder Thomas statt. Franz kommt zusammen mit Esther; er ist auffallend ruhig in dieser Festgesellschaft. Man sieht ihm die Krankheit deutlich an.
Thomas heiratet seine langjährige Freundin Wilma aus Holland. Der Pfarrer, der die Trauung vollzieht ist ein Freund von Thomas. Die Hochzeitsgesellschaft macht in einem alten Postauto eine Rundfahrt bei schönstem Wetter. Bei einigen Gelegenheiten entfernen sich Esther und Franz von der Gesellschaft und Franz weint.
Am Tag nach diesem Fest hat ein Freund aus dem sogenannten ?Spiegeleier – Klub? Geburtstag und Franz geht mit Esther hin. Sie kommen um einiges zu spät, weil Franz in letzter Zeit jeweils lange Zeit braucht, um sich bereit zu machen. Er verliert allmählich das Zeitgefühl, kann unter Umständen eine volle Stunde unter der Dusche stehen bis das Wasser kalt kommt und er durchgefroren ist.

Am Tage nach diesem Geburtstag fährt Franz dann mit Esther für ein paar Tage nach St. Gallen.

Wiederum muss er dort ins Regionalspital eingewiesen werden, weil der Hirndruck steigt.

Langsam schleicht sich ein neues Problem ein, durch die Aktivitäten der Zumorzellen beim Blasen-Zentrum. Es entwickelt sich eine Inkontinenz. Das heisst, Franz hat vorerst während der Nacht Schwierigkeiten, die Blase zu kontrollieren. Zu allen anderen schmerzlichen Verlusten gesellt sich also zunehmend ein Problem, das an die Wurzeln der Selbstsicherheit geht und diese langsam zerfrisst...

Zurück in Bern verbringt Franz nun einige Tage bei mir. Wir gehen dann zusammen nach Arlesheim zu einer Besprechung mit Dr. M. Lorenz über die vom UNIZ vorgeschlagenen Therapien mit Temodal (Temozolomide) und Thalidomide. Es kommt nicht sehr viel dabei raus, da diese Substanzen in der Krebstherapie auch für Dr. M. Lorenz neu sind. Auf jeden Fall stellt er sich nicht dagegen und versucht Franz für einen Versuch zu motivieren.

Seit kurzem stellen wir fest, dass Franz Angst hat, alleine zu sein.

Anfang Oktober 2000 erhalte ich im Zusammenhang mit der Hyperthermie eine Antwort von Frau Dr. Teresa Kuntzsch aus Wisconsin USA. Sie hat mit Dr. I. Robins gesprochen, den ich angeschrieben hatte. Er rät von dieser Therapie ab beim Glioblastom.

Ich hatte einen Dr. Colin Hopper in den USA angefragt wegen der Photodynamischen Therapie.
Seine Antwort ist positiv, d.h. diese Therapie zeige gute Resultate. Er verweist auf einen Prof. H. Kostron in Graz/Österreich. Dieser habe in Europa die längste Erfahrung.

Am 10. Oktober erhalte ich von Prof. H. Kostron bereits Antwort. Er erläutert, dass über 50% der Patienten eine deutliche Lebensverlängerung zeigen und bietet an, die neusten Bilder zu begutachten auf eine Therapie hin. Ich besorge die Bilder und sende sie am 7. November weg zusammen mit einer Zusammenfassung über den bisherigen Verlauf der Krankheit.

Franz weilt wieder bei unserer Mutter in Niederried. Am 22. Oktober werden die Beschwerden durch den steigenden Hirndruck wieder so gross, dass ich über den Hausarzt von Franz, Dr. H. Röthlisberger, einen Transport mit dem Krankenwagen ins Zürcher UNIZ veranlasse.

Weil die Zyste sich immer wieder füllt, wird dort eine Drainage mit einem kleinen Depot, einem sogenannten Ommaya-Reservoir unter der Haut eingebaut. Eine dünne Kanüle führt durch den Knochen direkt in die Zyste. So kann nun von aussen punktiert werden. Während der Operation, beim Eröffnen der Zyste ist deren Innendruck so gross, dass die Hirnflüssigkeit in hohem Bogen rausspritzt. In der Nacht darauf erleidet Franz seinen ersten epileptischen Anfall, bisher war er wenigstens davor verschont geblieben!

Er wird nach dieser kleineren Operation von Esther im UNIZ abgeholt und verbringt zwei Tage in St. Gallen. Dann fährt er wieder nach Niederried zur Mutter und sucht die Ruhe. Sein Zustand hat sich mittlerweile so verschlechtert, dass er Pflege braucht. Er verliert übedies ganz einfache Fähigkeiten, worunter er enorm leidet.

Er kann keine Telefonnummer mehr wählen, auch wenn er diese auf einem Zettel vor sich hat. Eine Zeit lang verheimlicht er solche Probleme, benutzt Ausflüchte und kann sich selber nicht eingestehen, dies nicht mehr imstande zu sein.

Die optischen Linsen kann er schon länger nicht mehr einsetzen weil er zittert und Koordinationsprobleme hat. Ebenso ist er ausserstande, sich selber zu rasieren, zu duschen und sogar auf die Toilette zu gehen.

Von alleine trinkt Franz praktisch nichts wegen seinem Blasenproblem. Man muss deshalb den Tag über eine Kontrollliste führen.

Franz erhält von unzähligen Leuten aus seinem Bekanntenkreis Einladungen, die Umtriebe und Belastung wird durch seinen massiv schlechteren Zustand jedoch zu gross.
Natürlich verstehen das die Leute manchmal nicht, wie sollten sie auch...

Ich starte wieder verschiedene Anfragen betreffend einer Immuntherapie und mache mich auf die Suche nach einem Labor, das aus dem Urin des Patienten Antikörper gegen die Tumorzellen gewinnt, die aufbereitet werden können und zur Therapie eingesetzt werden.
Ich stosse dann in Deutschland auf ein Labor, das diese Arbeit jedoch wieder aufgeben musste, weil die Bundesregierung zu viele Steine in den Weg gelegt hatte.

Von Niederried aus geht er am 14. November ins Spital Interlaken um neue CT-Aufnahmen machen zu lassen. Er wird von Thomas gefahren. Franz kann nicht mehr alleine gehen, sein Gleichgewichtsgefühl ist stark beeinträchtigt und er hat Angst zu stürzen.

Am 17. November erhalten wir durch Dr. R. Bernais eine Beurteilung der neusten CT-Bilder. Er bezeichnet die Zyste als weitgehend kollabiert und schlägt vor, in ca. 6 Wochen wieder Bilder zu machen. Wie schwierig das Verhalten des Tumor und der Zyste vorauszusagen ist, zeigte sich, als Franz durch Esther bereits am 25. November wieder notfallmässig ins Spital St. Gallen eingewiesen werden musste. Dies, obwohl ich mit ihm zusammen am Tag zuvor, also am 24. November noch in Bern bei Prof. M. Frey gewesen bin im Zusammenhang mit dem Medikament Temodal, das unter strengster Kontrolle abgegeben wird. Prof. Frey hatte Franz noch grob neurologisch begutachtet!

Bei der Punktion der Zyste im Spital St. Gallen machte Franz wieder einen grossen epileptischen Anfall. Die Chirurgen dort schlagen vor, die Zyste, die sich immer wieder füllt, mit einer Hirnkammer (Ventrikel) zu verbinden. Als ich dies Dr. R. Bernais mitteile, ist er klar dagegen. Denn das wäre als Kapitulation zu verstehen und man würde durch eine solche Massnahme zu 100% die Streuung von Tumorzellen überall in den Körper bewirken.

Ich organisierte dann eine Verlegung ins UNIZ für den 27. November 2000. zur vollständigen Entleerung der Zyste durch ?seine? Neurochirurgen und damit Dr. R. Bernais ihm nochmals die Therapie mit dem Thalidomid ans Herz legen kann. Am 29. November werden neue MRI-Bilder gemacht. Die Zyste darf nur in kleinen Mengen punktiert werden um Epi-Anfälle zu verhindern (diese können durch eine rasche Verschiebung des Hirngewebes beim Punktieren ausgelöst werden).

Am Freitag, dem 30. November 2000 telefoniere ich mit dem Oberarzt Dr. R. Marugg. Er sagt, dass sie über?s Wochenende in kleinen Schritten von 8-10ml punktieren werden und dass wir dann Anfang Woche das weitere Vorgehen besprechen werden. Ein weiteres Ziel ist auch, mit der Thalidomid-Therapie zu beginnen. Innerhalb der Familie und mit Franz seiner Freundin Esther bespreche ich über?s Wochenende die besten Möglichkeiten zur Pflege von Franz. Wir diskutieren auch, ob man auf weitere Optionen setzen soll oder resignieren.
Ich bin am abklären für eine Klinik im süddeutschen Raum, wo eine ganzheitliche Sichtweise und Pflege besteht. Der Leiter diese Bio-Med-Klinik ist Mediziner und Biologe. Ich versuche eine Zusage für ein Bett zu erhalten, was sich aber als äusserst schwierig herausstellt.

Am Abend des 3. Dezember erfährt Esther beim Besuch von Franz, dass er am nächsten Mittag ins Spital Interlaken verlegt werde... sie ist vollkommen perplex. Franz aber interpretiert sofort dahingehend, dass es nun aufwärts gehe und er bald wieder aus dem Spital entlassen werden könne.

Wie sich nun herausstellt, hat der Assistentsarzt Dr. M. Hefti tatsächlich hinterrücks die Verlegung organisiert, obwohl ich ihm die Woche zuvor am Telefon klar gesagt hatte, dass wir Franz aus bestimmten Gründen von St. Gallen ins UNIZ haben verlegen lassen!
Ausserdem hatte ich mit dem Oberarzt Dr. R. Marugg das Vorgehen anders besprochen.

Ich erreiche keinen der Vorgesetzten des Assistenten M. Hefti innert nützlicher Frist. Als ich einen Rückruf am nächsten Vormittag erhalte, ist es zu spät, die Verlegung zu stoppen und ausserdem hat sich Franz darauf eingestellt! Es zeigt sich nun, dass der Assistent M. Hefti seinen Vorgesetzten angelogen hatte im Zusammenhang mit dieser Verlegung. Als er an der Arztvisite nämlich dem Oberarzt Dr. R. Marugg gegenüber die Verlegung nach Interlaken erwähnte, fragte ihn dieser, ob er das mit dem Bruder und der Freundin von Franz besprochen habe. M. Hefti bestätigte dies doch glatt! Mit Esther hatte er noch nie Kontakt und ich habe ihm am Telefon, als er von Bett freimachen sprach, klar entgegengehalten. Vermutlich ist sein Verhalten als eine primitive Trotzreaktion auf unser schwieriges Telefongespräch hin zu werten.

Seine beiden Vorgesetzten haben sich dann auch mehrmals entschuldigt für das Vorgehen des Assistenten M. Hefti.

Nun ist Franz also im Spital Interlaken in einem 6er Zimmer gelandet, er nimmt es gelassen.

Es erscheinen täglich Besucher, die meisten aus seinem beruflichen Umfeld. Es wird etwa versucht, lustig zu sein und Franz macht zwischendurch einen seiner Sprüche.
Insgesamt ist die Stimmung jeweils gedrückter als früher. Da wird etwa die Ablenkung in dem 6er Zimmer durch kleine Ereignisse sogar als angenehm befreiend empfunden.

Der Allgemeinzustand von Franz ist reduziert, er schläft viel. Nach einigen Tagen klagt er über Schmerzen im linken Bein und kann fast nicht mehr darauf stehen. Erst dann fällt mir auf, dass gar keine Vorkehrungen gegen Thrombosen getroffen wurden, was in der Pflege eigentlich normal wäre. Ich vergleiche die beiden Unterschenkel und der linke ist deutlich dicker und stark erwärmt. Ich verlange ein Gespräch mit der zuständigen Ärztin Frau Dr. A. Schär. Sie will zunächst nichts wissen von einer Beinthrombose und behauptet, am Morgen hätte sie das Bein angesehen und da sei kein Befund vorhanden gewesen. Ich muss sie fast nötigen, damit sie Franz nochmals anschaut. Eher widerwillig wird nun die Thrombose festgestellt. Blutverdünnung wollen sie keine machen, u.a. weil sie nicht einschätzen können, ob bei Hirntumorpatienten die Blutgerinnung gestört sein könnte.

Dem Entscheid für eine starke Blutverdünnung wohnt immer auch das Risiko inne, dass es zu einer Hirnblutung kommen könnte. Also geht es um eine Abwägung der Risiken (weitere Thrombosen mit evtl. tödlicher Lungenembolie oder evtl. eine Hirnblutung).

In der Diskussion um dieses Thema macht uns der Ausspruch der Assistenzärztin stutzig, dass es Franz im Falle einer (tödlichen) Embolie besser gehen würde!

Daraufhin erkundige ich mich beim Onkologen Dr. L. Jost im UNIZ, ob bei Hirntumorpatienten die Gefahr einer Gerinnungsstörung erhöht sei und ob sie selber bei diesen Patienten die Blutverdünnung (Antikoagulation) verordnen. Es wurde mir bestätigt, dass bei dieser Art Tumor die Blutgerinnung normal sei und gibt mir auch die Dosierung und das Medikament an, das sie jeweils spritzen.

Aufgrund dieser Auskunft verlangen wir, dass bei Franz eine Blutverdünnung gemacht wird, was dann auch endlich geschieht.

Auf die Idee, einen Bettbogen beim Fussende des Bettes von Franz einzubauen, kommt niemand. Als ich danach verlange, muss mit wieder deutlich spürbarem Widerwillen in irgendwelchen Schränken danach gesucht werden. Tatsächlich findet die Pflegerin ein solches Gerät. Es gehört eigentlich zur Grundausbildung der Pflegeberufe, dass zur Entlastung der Schmerzen bei einem Patienten mit einer Beinthrombose, ein Bettbogen eingebettet wird.

Auch in diesem Spital, auf jeden Fall auf dieser Station, gibt mir die Grundhaltung der Ärzte und Pflegenden schwer zu denken.

Leider soll es noch schlimmer kommen...

Wegen des 6er Zimmers sagen wir vorerst nichts, obwohl Franz halbprivat versichert ist.

Eines Abends telefoniert mir Esther vom Spital Interlaken aus und sagt, Franz hätte einen relativ guten Tag gehabt. Er möchte mit mir über Abklärungen über die Krebskliniken in Süddeutschland reden, ich möchte doch ins Spital kommen. Ich bin etwas erleichtert und fahre also nach Interlaken. Wir ziehen uns in einen kleinen Raum zurück wo ich Franz in Ruhe die Ergebnisse schildern kann. Die Vorteile einer Behandlung in einer spezialisierten Krebsklinik liegen auf der Hand. Als sehr wichtig erachte ich auch die Tatsache, dass der Leiter dieser beiden Bio-Med Kliniken Mediziner und Biologe ist!

Franz gibt mir den Auftrag, möglichst rasch ein Bett und eine Verlegung zu organisieren.

Einige Tage später zeigt Franz Zeichen einer Lungenembolie als Folge der Beinthrombose und nun wird auch realisiert, dass er besser versichert ist. Er kommt dann in einen anderen Flügel des Spitals in ein 1er Zimmer, wo der Chefarzt Dr. H. Schaad persönlich zuständig ist.

Dies, so hoffen wir, sollte ein Vorteil für Franz sein und eine bessere Betreuung und ärztliche Versorgung bedeuten. Leider zeigte sich aber bald darauf, dass dieser Chefarzt eine extrem arrogante Art hat, gepaart mit Ignoranz sowie einer inakzeptablen Einstellung dem Patienten und Angehörigen gegenüber. Es ist keine Spur von Kooperationsbereitschaft vorhanden.

Esther und ich kriegen ein solch schlechtes Gefühl, dass wir nicht mehr wagen, Franz alleine zu lassen!

Wir verbringen abwechslungsweise die Nächte in einem Notbett im Krankenzimmer. Während einer dieser Nächte wird deutlich, dass Franz Zeichen einer Lungenentzündung hat, dies ist die logische Konsequenz der Embolie. Und wieder ist die gängige Vorsichtsmassnahme nicht getroffen worden, denn eine Abschirmung mit Antibiotika wäre eigentlich normal. Selbst als Franz jetzt diese Lungenentzündung durchmacht und Fieber hat, wird kein Antibiotikum verordnet! Ich muss recht heftig intervenieren, bis dies schliesslich geschieht. Allerdings zeigt Franz daraufhin keine Besserung, im Gegenteil. Offenbar sind die verantwortlichen Bakterien auf diese Substanz immun. Demzufolge müsste auf ein anderes Präparat umgestellt werden, aber auch dies geschieht nicht.

Der Zustand von Franz verschlechert sich zusehends. Über grosse Strecken ist er kaum ansprechbar. Er ist nun auch zu schwach für Besucher und benötigt sein Kräfte gegen die Krankheiten. Wir beginnen nun auf seinen Wunsch hin, ihn gegen Besuche abzuschirmen und stossen dabei nicht immer auf Verständnis.

Franz erhält über Infusionen vor allem Flüssigkeit. Die ganzen Mittel zur Unterstützung des Immunsystems konnten bereits seit einiger Zeit nicht mehr verabreicht werden. Und mit dem flüssigen Medikament, (Ether Lipide) das ich extra in einem Labor habe herstellen lassen, konnte noch immer nicht begonnen werden. Die einzige Möglichkeit, diese Präparate wieder zu verabreichen, wäre durch eine Magensonde. Wir besprechen dies mit Franz, als er einen relativ guten Moment hat. Er ist damit einverstanden, dass zu diesem Zweck eine Sonde gelegt wird.

Wir verlangen ein Gespräch mit Dr. H. Schaad. Als wir diesem Chefarzt und einer Krankenschwester gegenüber sitzen, merken wir bald, dass weder das Wohl von Franz, noch die ärztliche Kunst im Vordergrund stehen. Stattdessen wird deutlich, dass dieser Arzt am liebsten nichts mehr machen will. Auf den Wunsch von Franz und uns nach einer Magensonde reagiert er unwirsch, sagt dann aber mit den lapidaren Worten zu: ?Wenn Ihr eine Magensonde wollt, könnt ihr die haben...?. Eigenartigerweise besteht er darauf, die Sonde persönlich zu legen (Normalerweise ist dies eine Aufgabe des diplomierten Pflegepersonals).

Wir sprechen auch das Antibiotikum an, das nicht wirkt und wieder erleben wir den reinen Unwillen. Schliesslich bestehen wir darauf, dass auf ein neues Präparat gewechselt wird. Aufgrund der Art und Weise, wie man sich gegenüber Franz und uns verhält, kommen mir sogar Zweifel, ob das verordnete Antibiotikum überhaupt verabreicht worden ist...

Ich beschliesse, Einsicht in den Kardex (das ist das Rapport-System des Pflegepersonals, enthält auch die ärztlichen Verordnungen) zu verlangen und das zu kontrollieren.

Als dann Dr. H. Schaad die Magensonde (ein dünner Kunststoffschlauch) legen soll, geht er dermassen unsensibel und grob vor, dass sich die Sonde mehrmals im Mund zusammenrollt und schliesslich blutverschmiert erscheint. Seit längerer Zeit schon hat Franz Schluckprobleme und auf Kommando Schlucken geht sowieso schlecht. - Dieser Chefarzt scheint sich um solche Kleinigkeiten nicht zu scheren (Wenn die Sonde aber hinten im Rachen ankommt, muss der Patient schlucken können)!

Es kam dann, wie es kommen musste, als Franz nur noch würgte und Brechreiz hatte, mussten wir den Abbruch verlangen.

Nach einigen Tagen und Nächten unter dem ersten Antibiotikum ohne Erfolg wird nun endlich auf ein anderes umgestellt.

Ich verlange nun Einsicht in den Kardex. Dass man mit solchen Anliegen nicht gerade auf Gegenliebe stösst, vesteht sich von selbst. Es besteht aber heute ein gesetzlich verankertes Einsichtsrecht für den Patienten und bevollmächtigte Personen. Franz und ich haben schon vor langer Zeit eine solche Patientenverfügung geschrieben.

Als Franz wieder einen etwas besseren Tag hat, spricht er mit Esther über ungeregelte finanzielle Angelegenheiten und dass er dies regeln wolle. Wir beauftragen daraufhin im Namen von Franz einen Notar, die Sachen vorzubereiten. Es ist üblich, dass bei solchen notariellen Terminen im Spital ein Arzt als Zeuge dabei ist und dann die Zurechnungsfähigkeit des Patienten bestätigt. Bei Franz kommt am ehesten sein Hausarzt (und Freund) Dr. H. Röthlisberger in Frage, zumal das Verhältnis und Vertrauen mit dem einzig zuständigen Arzt im Spital nicht zum besten steht.

Als eines Abends Esther und ich im Treppenhaus diesen Dr. H. Röthlisberger antreffen, teile ich ihm den Wunsch von Franz mit und dass alles vorbereitet sei....doch er lehnt rundweg ab! Wie ich herauszuhören vermeine, will er den Eindruck vermeiden, dass er den Spitalärzten dreinrede... mit dieser opportunistischen Ausrede ist für ihn dieser wichtige Dienst an Franz erledigt. Wir sind sehr enttäuscht von diesem Arzt und Franz sollte nicht mehr zu einer Regelung dieser Angelegenheit kommen...

Gemäss dem Kardex ist das Antibiotikum verabreicht worden. Allerdings traue ich meinen Augen kaum, als ich sehe, dass grosse Teile der Einträge mit Bleistift geschrieben werden, da könnte problemlos nachträglich radiert und manipuliert werden! In den meisten Kliniken ist es absolut verboten, Bleistift zu benutzen und Tipp-Ex ebenfalls. Sämtliche Einträge müssen signiert werden. Diese Vorschriften wurden erlassen, um zu gewährleisten, dass jederzeit der ganze Verlauf zurückverfolgt werden kann. Nicht so im Spital Interlaken!

Eines Tages, als ich im Flur vor dem Zimmer ein Telefonat erledige, kommt Josiane daher. Ich sage ihr, dass Franz sie nicht mehr sehen will, doch sie entgegnet: ?Ich gehe jetzt da hinein, sonst komme ich mit dem Anwalt her...?.
Natürlich hat sie rechtlich gesehen Anspruch auf den Besuch. Bezeichnend ist jedoch, dass sie den Wunsch von Franz nicht respektiert und auch seinen Sohn Janosch nicht mitbringt. Während ihres ganzen Besuches hat Franz die Augen nicht aufgemacht und kein Wort gesprochen.

Die ganze belastende Situation im Spital Interlaken und das fehlende Vertrauen machen uns schwer zu schaffen.

Ich nehme nun die bereits früher besprochene Idee in Angriff, nämlich das Spital mit der fachlich und menschlich besten Betreuung ausfindig zu machen. Und einen Arzt, der menschliche Qualitäten hat und den Kampf von Franz gegen den Tumor unterstützt.

Aus diesem Grunde rufe ich meinen Hausarzt in der Stadt Bern an, er kann mir ohne zu zögern, das Salemspital mit seiner palliativen Station empfehlen und als sehr guten Arzt bezeichnet er den Dr. K. Bühlmann, der auf eben dieser Station Patienten betreut. Er gibt mir die Kontaktnummern und ich erreiche diesen Arzt auf Anhieb. Ich umreisse ihm die Situation, die trostlose Entwicklung der Tumorerkrankung von Franz, die Herumschieberei durch den Assistenten M. Hefti im UNIZ und die fahrlässig verursachten Komplikationen im Spital Interlaken.

Dr. K. Bühlmann ist bereit, sofort zu handeln, Franz zu übernehmen und ihn am nächsten Tag, dem 19. Dezember 2000, ins Salem Spital verlegen zu lassen!

Uns fällt ein grosser Stein vom Herzen...



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Teil 6 folgt demnächst


Martin Ficza 1.6.02

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